Auszeiten

Keine Angst, ich schreibe jetzt nicht jede zweite Woche, Frau KeinB ist krank, und wir verstehen uns im Team so gut, dass sich unsere Anwälte schon nach drei Tagen über die Modalitäten einer Vertretung geeinigt hatten. KeinB schreibt also nächste Woche für mich, verzichtet dafür zu meinen Gunsten auf ihr Honorar, übrigens: Für das, was ich hier von der Chefin als Honorar für diese Vertretung überwiesen bekomme, würde ich normalerweise keinen Zweizeiler schreiben, ich mache das als Idealist aus reiner Sympathie für unsere junge Kollegin, aber das nur nebenbei. Gute Besserung also, liebe Kollegin, Gott sei Dank gibt es keinen Grund bereits über Nachrufe nachzudenken oder Kerzen in kalten Kirchen anzuzünden, die Röntgenaufnahmen und das CT, die mir ihr Anwalt geschickt haben, zeigen eindeutig: Nur eine Influenza. Was heißt „nur“…

Andere, die weniger hart im Nehmen (und auch weniger intelligent) sind als unsere liebe Kollegin, würden jetzt eine Auszeit nehmen, mit der Begründung, also ungefähren Begründung: In meinen letzten Stunden denke ich an Wichtigeres als an KV… Tatsächlich denken sie an Wichtigeres, nämlich an die Beileidsbekundungen der Kollegen, an die vielen Nachfragen, kurz: Aufmerksamkeit zu erlangen auf womöglich zweifelhafte Weise. Und ebenso wieder bei ihrer Rückkehr. Mir wurde der Fall eines Kollegen berichtet, der mittlerweile fast alle Krankheiten der Welt überlebt hat, vom Fußpilz bis zum Gehirntumor, und der immer dann erkrankt, wenn die Veröffentlichung seines neuen Textes kurz bevor steht. Alle Krankheiten scheinen dabei erfunden zu sein, und die einzige Krankheit, unter der er tatsächlich leidet (nicht ganz dicht in der Birne) gibt er als Grund nicht an. Bisher nicht.

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Wucherer

Stellen Sie sich bitte einmal vor: Sie gehen zu einer Bank und bitten um einen Kredit. Sie werden also nach Ihrem monatlichen Einkommen gefragt werden, woher das stammt und wie hoch es sei, und stellen Sie sich vor Sie würden dann antworten: Ich verdiene mein Geld als Spieler in diversen Kasinos, mein Einkommen ist hoch. Also, es wird vielleicht einmal hoch sein, bisher lebe ich noch von dem Geld, dass ich mir von anderen Banken geliehen habe, es ist verbraucht (sagen Sie lieber: investiert), und nun brauche ich von Ihnen frisches Kapital. Nun, man wird Sie an die Bundesregierung verweisen, die möge für Sie bürgen, eine Antwort, die nur vorstellbar ist, sollte ihr Sachbearbeiter Humor haben, wahrscheinlicher ist, dass man Sie einfach rausschmeißt, einen Arzt oder die Polizei holt, Alternativen, die für mich nicht ohne Humor sind. Ein Witz, verstehen Sie: Ein Banker ruft die Polizei oder einen Arzt…

Eine ein wenig schlichte Analyse der derzeitigen Finanzkrise, aber wie Tucholsky schon anmerkte: So, wie sich Klein Fritzchen die Weltgeschichte vorstellt, so ist sie auch. Die Banken haben sich gegenseitig Geld geliehen, um es an der Börse auf Schwarz zu setzen, und als sie gemerkt haben, dass alle Banken so arbeiten, ist das System zusammen gebrochen, man spricht von einer Vertrauenskrise, natürlich trauen sich Zocker am allerwenigsten untereinander, nur selbst Betroffene wissen doch, wie unwahrscheinlich es ist, auf Dauer zu gewinnen in diesem System der Spekulation auf sein eigenes Glück. Auch das entbehrt aber für mich nicht einer gewissen Komik: Wie Narren haben sie sich gegenseitig belogen und betrogen. Ich glaube nicht, dass sie von dem gegenseitigen Spiel gewusst haben, dazu scheinen mir die Damen und Herren Banker nicht intelligent genug zu sein, und sollten sie es sein, so wird diese Klugheit anscheinend geblendet von einer ekligen Gier nach eigenem Profit.

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Kleines Versehen

Kürzlich wurde ich von einer jungen Kollegin hier bei kV gefragt, ob ich tatsächlich einmal einen Stein in die Schaufensterscheibe einer prominenten Partei geworfen habe, ich habe das zugegeben, es ist verjährt, vielleicht hätte ich es auch so zugegeben, ist ja auch egal, aber… Ob man sich danach besser fühle, hat sie gefragt, und ich habe natürlich pädagogisch wertvoll geantwortet: Grundsätzlich zerstört man das Eigentum anderer Menschen nicht, und eine Demokratie bietet genügend Möglichkeiten zu gewaltfreier Diskussion und Mitbestimmung,es ist ein Zeichen von Schwäche und Hilflosigkeit, von Dummheit usw., - ergänzen Sie diese Aufzählung bitte selbst. Aber ohnehin ist es um die Qualität meiner pädagogischen Ratschläge nicht gut bestellt, als mein Neffe einmal eine Scheibe eingeworfen hatte, habe ich ihn angezischt, und das am helllichten Tag, so bekloppt kannst auch nur Du sein, worauf meine Schwester mich ebenso anzischte: Na, toll, soll er sich nachts heimlich rausschleichen und dann Scheiben einwerfen?, - und sie hatte natürlich Recht. Wäre auch nicht besser gewesen, wenn er das klüger angestellt hätte, so gesehen.

Andererseits, wenn man sich heute einmal einige Nachrichten anhört oder durchliest, beispielsweise die auf „Spiegel Online“, so hat man schon sehr große Lust auf eine seriöse Diskussion mit den politisch und überhaupt Verantwortlichen, ein einziges Beispiel: Unser Verteidigungsminister besucht heute Afghanistan, die deutschen Söldner dort, besser gesagt. Ursprünglich wollte er gemeinsam mit der Big Band der Bundeswehr anreisen, um seine Truppen zu „unterhalten“, da wollte er wohl nicht alleine auf seine Fähigkeiten als Entertainer vertrauen. Aber nachdem die dort stationierten Mörder ( so darf man sie laut Gerichtsurteil mittlerweile wieder nennen: Soldaten sind Mörder) einige Zivilisten getötet hatten, aus Versehen, oder zur Selbstverteidigung, wie sie das selbst nennen, und sie nun begründete Angst vor Gegenangriffen haben,wollte man sie nicht zusätzlich durch das Gedudel ihrer eigenen Musiker reizen.

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Comeback

von BrigitteG

Nun finde ich es ja wichtig, sich täglich zu informieren, was auf der Welt geschieht – politisch, wirtschaftlich, kulturell. Was ist da besser geeignet als Spiegel-online.de? (Obwohl ich einen ungenannten kV-Autoren kenne, der neben Spiegel auch Bild.de täglich liest, um „über den Gegner informiert zu sein“, wie er es begründet. – Ja, klar, ich informiere mich deswegen beim Zahnarzt im Wartezimmer auch immer bei Gala und Bunte…)

Bei Spiegel-online las ich in der Kategorie „Panorama“ einen Artikel darüber, dass in China benutzte Kondome zu Haargummis recycelt und dann verkauft werden. Die Wiederaufarbeitung ist wesentlich preiswerter als die Neuherstellung der Haargummis, von daher werden sie häufig gekauft. Abgesehen davon, dass mir dazu der – zugegeben geschmacklose - Spruch „Asche zu Asche, Gummi zu Gummi“ einfiel, gibt es Warnungen von chinesischen Medizinern, dass die Übertragung von Aids oder anderen Geschlechtskrankheiten dadurch möglich sei, dass die Frauen das (Haar-) Gummi in den Mund nähmen.

Der Begriff des „Kreislauf der Natur“ fällt mir dazu ein: die Gemüse- und Obstreste auf einem Kompost, die zu Erde werden, damit irgendwann darauf wieder Gemüse und Obst gepflanzt werden können. Altglas und Altpapier, aus denen wieder Glas und Papier entsteht. Die Alt-Schuhe, die bei der Herstellung von Straßenbelägen verwendet werden, damit später Schuhe auf Schuhen laufen können. Die Asche von verstorbenen Menschen, aus der Kohlenstoff extrahiert wird, der dann unter hohem Druck in einen Diamanten verwandelt wird, um wieder an einem Menschen zu hängen. – Nun ja, wir müssen wohl inzwischen den „Kreislauf der Natur“ in unserer westeuropäischen Kultur ein wenig dehnbarer fassen.

Den Älteren unter uns ist zum Thema Recycling sicherlich noch die „Werbung“ der Satirezeitschrift Titanic aus den 80er Jahren in Erinnerung: das Bild eines metallen schimmernden Christus am Holzkreuz, mit dem Untertitel: „Ich war eine Dose“ – und geklagt dagegen hatte nicht die Katholische Kirche, sondern der Verband der Aluminiumindustrie.

Welche Alt-Produkte werden eigentlich zu Kondomen recycelt? Die Gummibänder, die immer um die Radieschen herum sind, und die so nervig zu entfernen sind? Oder werden doch vielleicht die alten kaputten Haargummis zu Kondomen… naja, zumindest bekommt man dann kein Aids davon, wenn man die Kondome benutzt. Schuppen vielleicht, aber das fällt ja im Büro nicht auf.

Manieren und Zentralverriegelung

Zuerst wollte ich heute über einen abgehalfterten Politiker schreiben, den man aus einer noch abgehalfterten Partei hinauswerfen wollte, nur weil er empfohlen hat, diese Partei nicht zu wählen, also eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat, wenn auch nicht als mündiger Bürger, sondern als Vertreter der Energiewirtschaft, aber immerhin… Nur hätte ich dann im Laufe der Kolumne etwas vergessen (müssen), nämlich meine Manieren, und so, zur Erinnerung an Manieren und Höflichtkeit auch als Vorsichtsmaßnahme:

Es geht doch nicht ohne gewisse Umgangsformen im menschlichen Miteinander, sonst gibt es zumindestens moralischen Mord-und Totschlag überall, und warum diese Umgangsformen dann nicht gleich ein wenig verfeinern. Es hat sich fast überall herumgesprochen, dass man nicht von seinem Wohnzimmerfenster aus auf seine Mitmenschen schießen darf, und von der Akzeptanz dieser auch, bei Nichteinhaltung, sanktionierten Vorschrift bis zum Aufstehen für die gebrechliche Omama im Bus ist es nur ein kleiner Schritt. Es geht um Respekt voreinander, es geht um gegenseitigen Schutz, und ist man dazu nicht aus allgemeiner Nächstenliebe bereit, so vielleicht aus Eigennutz: Man möchte ja selbst auch nicht abgeknallt werden auf offener Straße und auch Busfahren dürfen, wenn man selbst alt wird, geworden ist.

Wir leben im Zeitalter der Distanzlosigkeit, der Vereinnahmung durch Gruppen und durch einzelne Mitmenschen, wer heute nicht jeden spontan, symbolisch gesprochen, umarmt, gilt als Soziopath, das schafft aber eine latente Aggressivität, die Gruppen oder Beziehungen sind nur wenig harmonisch in sich, sehr fragil also, da sie als Gemeinsamkeit nur die bloße Gruppenzugehörigkeit haben, ihnen fehlt das Schopenhauersche „Medium an Weltinteressen“, und wo wir schon einmal bei Schopenhauer sind in dieser Bildungskolumne: Schopenhauer hat den Sinn von Anstand und Moral am Beispiel einer Gesellschaft von Stachelschweinen erläutert, sie brauchen die gegenseitige Wärme, aber die Stacheln verhindern eine tatsächliche Nähe, den Abstand, den sie als erträglich empfinden, nennen sie Anstand und Moral. Man liebt also die Omi nicht, für die man im Bus aufsteht, man behandelt sie nur anständig, mit Respekt. Gegenseitige Wärme auf Distanz… Höflichkeit…Und die sollte man gerade bei den Menschen pflegen, die man besonders lieb hat, so bleibt diese Wärme auch im Alltag nach der Liebe ein wenig erhalten.

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Mit Franken zanken

von KeinB

Im Oktober jährt sich mein Zuzug nach Nürnberg zum vierten Mal. Inzwischen wohne ich hier in der zweiten Wohnung, natürlich wieder Altbau, 3.OG, ohne Aufzug – man gönnt sich ja sonst nichts und – und das muss ich zweifelsfrei zugeben, im Vergleich zur ersten Wohnung in Nürnberg ist meine jetzige ein Traum. Meine Vermieter sind handzahm, das Haus ist sauber und der winzige Hinterhof mit Wäschespinne und lächerlich kleiner Rasenfläche ebenfalls. Mein direkter Nachbar ist eine Mischung aus Peter Lustig, Jean Pütz und dem Sendung-mit-der-Maus-Christoph. Er bastelt, erklärt, und erzählt nebenbei noch ganz andere interessante Dinge. Von sich selbst behauptet er steif und fest, er sei Franke. Ich glaube das nicht.

Das ist nämlich das einzige Problem an diesem Haus. Die Franken. Im Haus wohnt die Cousine der Hausbesitzerin, letztere eine nette Dame mit angenehmem, weil schweigsamem Gatten, wohnhaft in Österreich und nur alle Schaltjahre mal zur Inspektion vor Ort. Erstere hingegen…
Erinnern Sie sich noch an Else Kling? Fräulein Rottenmeier? Oder an Frau Prysselius AKA Prusseliese?
Denken Sie sich eine von diesen Damen doch mal dreißig, vierzig, nein, fünfzig Jahre älter, verwitwet, alkoholkrank, gelangweilt - außer natürlich Sie haben an Else Kling gedacht - und mit einer großen Portion so genannter „fränkischer Mentalität“ gesegnet. Das wäre dann Frau B., meine Hausverwaltungsdingsdakeineahnungwasgenaueigentlich.
Eine von denen, die vor lauter Langweile den ganzen Tag über nichts Besseres zu tun haben, als sich mit den beiden erdgeschössigen Damen bei einer Tasse Tee oder einem Kurzen zusammenzusetzen und über das seltsame Paar im dritten OG zu lästern. Eine jener mit Habichtsaugen gesegneten, rüstigen älteren Damen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, aber dennoch alles über drei Ecken ausrichten lassen.

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Och nö, weiss nicht…

von BrigitteG

Ich verstehe das nicht. Das ist doch sonst nicht so bei mir - an der Wurst- und Käsetheke kann ich mich immer ganz flott entscheiden, Klamotten einkaufen ist kein Problem, sogar zum Autokauf brauche ich nicht Monate, wie Andere. Und nun das: so viele mögliche Themen für eine Kolumne, und ich weiß nicht, welche ich nehmen soll.

Der Mann, der schwanger geworden ist?
Die Londoner Taxen, die keine Leichen transportieren dürfen?
Die Queen, die mit einem Los Seife und Badeöl gewonnen hat?
Bettler, die eine Mindesthöhe für Almosen fordern?
Das trinkfeste malaysische Spitzhörnchen?

Ach egal, mir sagte mal eine Ärztin vor langer Zeit: „Man muss auch Frieden mit sich selber schließen können“. Ich hebe die weiße Flagge…

Obwohl – hatte ich da nicht noch diese Notiz, wozu gebrauchte Kondome umgearbeitet wurden? Hm. Ich lege es mir mal auf Wiedervorlage. War schon ’ne ekelige Geschichte.

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