Nachts

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vorgelesen von Grufti.Ente

Damals saß ich oft auf dieser Bank, und ich kann mich erinnern: es war eine dunkle, kühle Nacht, obwohl mitten im Sommer, aber eine Jacke brauchte man schon um diese Zeit. Von dieser Bank aus konnte man über die ganze Stadt sehen, ohne selbst gesehen zu werden, aus Städten und aus der Stadt, das habe ich damals sehr geschätzt.

Er kam gegen 23.00 Uhr, den steilen Weg entlang, der zu dieser Bank führte, er war nicht groß, zu hellen Leinenhosen trug er einen dunklen Mantel, und von weitem sah ich: Gleich spricht er mich an, und ich spürte das, obwohl er mich nicht musterte, während er auf mich zuging, er hielt den Kopf mit den langen grauen Haaren gesenkt.

„Montags lese ich immer den „Spiegel“, sagte er, während er sich setzte, „schon seit Jahrzehnten, es ist wie eine Sucht, immer will ich wissen, was die Mächtigen und Ohnmächtigen so machen, als Analyse, das leisten die Nachrichten ja nicht.“

Er gab mir Gelegenheit, etwas zu sagen, oder aufzustehen und fortzugehen, indem er sich eine Zigarette anzündete, aber ich war so müde in dieser Zeit, zu müde, um nach Hause oder sonst wohin zu gehen, ich brauchte noch eine Zigarette, ich brauchte noch ein paar Minuten.

„Da habe ich letztens etwas gelesen“, fuhr er fort, „über merkwürdige Tiere, die in Afrika leben, sie gelten als die hässlichsten Tiere der Welt. Sie leben unterirdisch, in stark kohlendioxidhaltiger Luft, das erklärt einiges aus ihrem Leben, aber nicht alles. Etwa tausend auf ein paar Quadratmetern, in einer Art Staat, also hierarchisch, mit einer Königin als Regierung. Diese pflanzt sich als einzige fort, aber wenn sie schwanger ist, wachsen allen Mitgliedern des Staates Milchzitzen, auch den Männchen. Die Tierchen arbeiten den ganzen Tag, kein schönes Leben, nur für die Erhaltung ihrer Art, sie bewegen sich rasend schnell in ihrer Welt, und zwar vorwärts und rückwärts gleich schnell. Ihnen fehlt ein Neurotransmitter, das bedeutet, dass sie keine chronischen Schmerzen empfinden, sie spüren nur den kurzen, spontanen Schmerz, ein englischer Forscher hat das entdeckt. Für sie ist jede schwere Verletzung lebensgefährlich, da sie keine Schmerzen empfinden, pflegen sie ihre Wunden nicht, deshalb hat der Aggressive dort kaum eine Überlebenschance, sie leben fast friedlich miteinander. Dafür interessiert sich natürlich die Pharmaindustrie, ein Milliardengeschäft, wenn man an die vielen Schmerzpatienten denkt.“

Wir rauchten schweigend, und ich versuchte meine Müdigkeit zu überwinden, als ich aufstand, sah ich ihn nicht an.

„Ein Gentleman kann Akkordeon spielen, macht das aber nicht“, sagte ich, „das habe ich in einem Interview gelesen, auch im „Spiegel“. Und, wenn jemand nur noch Zeit hätte, ein einziges deutschsprachiges Buch in seinem Leben zu lesen, empfiehlt Marcel Reich-Ranicki den „Zauberberg“ von Thomas Mann.”

Es war noch kälter geworden, und als ich nach Hause ging, dachte ich an Neurotransmitter und an Gentlemen, und dass ich den „Zauberberg“ noch lesen müsste, man weiß ja nie.

Adjektive

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Gelesen von Kindermund

Beitrag zum Projekt: “Gloomy Sunday… - das Original: Szomorú Vasárnap

Wieder: Für K.

Er stand nicht gerne im Weg: aber sie hatte alle positiven Adjektive mitgenommen, als sie ihn verließ. Alle Adjektive, die positiven, die positiven Adjektive. Er aber: Stand nicht gerne im Weg, stand ungern im Weg. Auch nicht sonntags, nicht an traurigen Sonntagen.

Und er war unterwegs, zur S-Bahn, kalter Regen fiel in sein zerstörtes Gesicht, - er sang heiser und schief vor sich hin: „Gloomy, gloomy sunday…“, das alte, alte Lied. Die Straßen waren leer, das harte Pflaster hallte traurig unter seinem schweren Schritt. Einmal im Weg stehen, und sei es auch nur einer S-Bahn, an einem traurigen Sonntag, im schwarzen Regen.

Oder: Ob sie doch tauschen würde, die dunklen Stiegen zu seiner kalten Wohnung, den leeren Kühlschrank und das harte Brot, oder die tote Katze, vielleicht, gegen die Adjektive, die positiven, - möglichst. Er schlug den Kragen des schwarzen Mantels hoch, zerstörte Regentropfen rannen in sein kaltes Gesicht. Die alte Straße, das schiefe Pflaster hallte heiser unter seinem traurigen Schritt. Kein: Oder. Sie würde ja überhaupt niemals und nie tauschen.

Er musste auf die schwere S-Bahn warten, und als er auf den toten Gleisen stand, dachte er, und zwar: schon wieder daran, wie ungern er doch jemandem im Weg stand. Gestanden hatte, würde es gleich bitter heißen. Aber: Immer ungern, ob einem Menschen, einem Tier, einer Pflanze, oder jetzt: Einer kalten S-Bahn. Einer leeren S-Bahn. Einer kalt-leeren S-Bahn. Auch nicht an einem traurigen Sonntag. Im dunklen Regen.

Nur, merkwürdig: Die Lichter der schwarzen Bahn sahen, sie sahen, sie sahen…: wie geil aus, oder so, als sie näher kamen, oder so ähnlich wie, so geil wie Goethe oder Gott. Oder so. Oder so ähnlich. Wie. Oder anders. Ganz. Er trat zur Seite…Geil, oder so und anders, dachte er, ein Adjektiv, sie scheint das vergessen zu haben. Besser als nichts und gar nichts. Und er sah den geilen Lichtern der oder so S-Bahn einen Moment lang hinterher, und dann ging er zurück, durch die oder anderen Straßen, und das oder so ähnliche Pflaster hallte unter seinem ganzen Schritt. So Regen fiel in sein ähnliches Gesicht. Auf den geilen Mantel. Kragen. Zurück über die oder Stiegen in seine andere Wohnung, geiler Kühlschrank und ähnliches Brot, zu der ganzen Katze. Und er sang mit, oder so Stimme: „Gloomy, groovy sunday“, - und er dachte, dachte noch: „ Morgen versuche ich es einmal mit cremig, oder mit so etwas, so etwas ähnlichem, vielleicht ist ja alles so cremig, oder ganz anders, das Leben, zum Beispiel, oder nur Goethe, oder nur Gott…“, aber noch besser wäre es wohl, sich einige Adjektive, positive Adjektive, aufzusparen für Zeiten, schlechte, - wie die Gedanken, die Grundsätze, die Moral eben:

Dass man niemals gerne im Weg steht. Auch nicht und ohne Adjektive, positive, auch nicht ohne.Leben, zum Beispiel, nicht ohne Goethe, zum Beispiel, oder ohne Gott: Man steht ja ungern im Weg.

Eine Maus

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gelesen von bratmiez

Dann lag die tote Maus da, vor der Küche, sie hat sie gesehen. Unsere Katze hat die Maus getötet, das ist die Natur, getötet und liegen gelassen. Nur war sie überrascht, dass ihr kleiner Liebling das kann, sie hat das ignoriert, das Animalische in Allen. Seitdem sieht sie die Katze anders an, die Katze und dann mich.

Kalender

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Gelesen von Grufti.Ente

Jeden Tag schreibe ich ihren Namen in meinen Terminkalender mit schwarzer Tinte: morgen kommt sie ganz bestimmt, aber sie kommt nie. Wie viel Tinte verschwende ich jeden Tag, wie viel Papier, wie sieht der Kalender aus: alles durchgestrichen, wie bei einem Verwirrten. Nicht nur der Kalender von diesem Jahr, auch der vom letzten und der vom nächsten bestimmt. So viel Tinte, so viel Papier, so viel Unordnung, so viel Zeit.

Depression

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Gelesen von Grufti.Ente

Sie hat sich eingeschlossen in ihre Wohnung, zwei Tage schon, Bettflucht, durch Medikamente sediert. Sie zieht die Bettdecke über den Kopf, obwohl es heiß ist in der Stadt: sie sieht keinen, dann sieht sie keiner. Dabei flüchtet sie nicht vor einem Blick in der Stadt, vor keinem gleichgültigen, mitleidigen, aggressiven: vor einem anerkennenden schon eher. Sie flüchtet vor dem Anblick eines Spiegels in ihr, in dem sich alle Blicke auf ihr Leben reflektieren, nur die Niederlagen, nur der Schmerz, nur die Schuld, erzeugend ein unsichtbares Bild für die Stadt und mich. Nur Mosaiksteine erkenne ich, der sie anblickt wie jemand aus der Stadt, so oft, der die Tür zu ihrer Wohnung aufschließt immer , und der Türen abschließt beim Verlassen, immer wieder.

Fußball

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gelesen von paradoxa

Wie die schon heißen, sagt sie, Schweinsteiger, Ziege, Lahm, und der Trainer Völler wie voll, so kann man ja nicht Europameister werden. Wie denn der gutaussehende englische Spieler noch einmal hieße, und ich sage: Beckham, das heißt auf deutsch: Beckenbauer. Und der Trainer der Griechen heißt Rehakles, und sie sagt: Du spinnst, und da hat sie wahrscheinlich Recht. Nur: “Bevor Du einem Menschen die Wahrheit sagst, überlege stets, ob er sie auch ertragen kann”, sagte Seneca, im Altertum Trainer der Griechen.

Ein Echo

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Gelesen von Traumreisende

Antworten, - viele sind wie eine, eine Antwort, ist wie viele. Viele Antworten, sind nur eine. Hier allein, in vielen Höhen, in vielen Höhen,einem Wind .In vielen Winden, und nur einer Höhe. Oder Sonne, keine Zeiten, keine Zeiten, mehr, und eine Sonne. Keine Sonne, mehr, und viele Zeiten. Vielleicht Nebel, Nebel leicht und viel, viel und leicht. Könnte sein, ein Abend, Antwort viele, Antwort eine, Höhen viele, Höhen eine, Winde viele, Winde einer, viele Nebel, Nebel leicht, keine Zeiten, mehr, und eine Sonne. Eine Frage, ohne Antwort, eine Antwort, ohne Frage, viele Antworten, ohne Frage, viele Fragen ohne Antwort, viele Antworten ohne Frage. In der Ferne, ferne Antwort, ferne Frage. Viele Fernen, keine Antwort, viele Fernen, keine Frage. Eine Ferne, eine Antwort, eine Ferne, eine Frage. In dem Ende liegt ein Schweigen, schweige endlich, endlich schweige, schweige endlos in dem Ende. In dem Ende. In dem Schweigen.

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