Kleines Versehen

Kürzlich wurde ich von einer jungen Kollegin hier bei kV gefragt, ob ich tatsächlich einmal einen Stein in die Schaufensterscheibe einer prominenten Partei geworfen habe, ich habe das zugegeben, es ist verjährt, vielleicht hätte ich es auch so zugegeben, ist ja auch egal, aber… Ob man sich danach besser fühle, hat sie gefragt, und ich habe natürlich pädagogisch wertvoll geantwortet: Grundsätzlich zerstört man das Eigentum anderer Menschen nicht, und eine Demokratie bietet genügend Möglichkeiten zu gewaltfreier Diskussion und Mitbestimmung,es ist ein Zeichen von Schwäche und Hilflosigkeit, von Dummheit usw., - ergänzen Sie diese Aufzählung bitte selbst. Aber ohnehin ist es um die Qualität meiner pädagogischen Ratschläge nicht gut bestellt, als mein Neffe einmal eine Scheibe eingeworfen hatte, habe ich ihn angezischt, und das am helllichten Tag, so bekloppt kannst auch nur Du sein, worauf meine Schwester mich ebenso anzischte: Na, toll, soll er sich nachts heimlich rausschleichen und dann Scheiben einwerfen?, - und sie hatte natürlich Recht. Wäre auch nicht besser gewesen, wenn er das klüger angestellt hätte, so gesehen.

Andererseits, wenn man sich heute einmal einige Nachrichten anhört oder durchliest, beispielsweise die auf „Spiegel Online“, so hat man schon sehr große Lust auf eine seriöse Diskussion mit den politisch und überhaupt Verantwortlichen, ein einziges Beispiel: Unser Verteidigungsminister besucht heute Afghanistan, die deutschen Söldner dort, besser gesagt. Ursprünglich wollte er gemeinsam mit der Big Band der Bundeswehr anreisen, um seine Truppen zu „unterhalten“, da wollte er wohl nicht alleine auf seine Fähigkeiten als Entertainer vertrauen. Aber nachdem die dort stationierten Mörder ( so darf man sie laut Gerichtsurteil mittlerweile wieder nennen: Soldaten sind Mörder) einige Zivilisten getötet hatten, aus Versehen, oder zur Selbstverteidigung, wie sie das selbst nennen, und sie nun begründete Angst vor Gegenangriffen haben,wollte man sie nicht zusätzlich durch das Gedudel ihrer eigenen Musiker reizen.

Mir wäre das erzwungene Anhören eines Konzertes besagter Band auch nicht Strafe genug gewesen für diesen Mord an drei Zivilisten, zwei davon waren Kinder, auch die Angst der so genannten Soldaten vor Gegenangriffen nicht. Greift man sie an ist es ein Anschlag, wenn sie Menschen ermorden: Selbstverteidigung, man höre und staune. Und stellen Sie sich vor: In Deutschland nähert sich eine Hochzeitsgesellschaft einem Bundeswehrkontrollpunkt, sie wird aufgefordert anzuhalten, darauf wendet der Fahrer der Familie den Wagen und die Soldaten eröffnen das Feuer auf sie. Da hätten doch schon Warnschüsse genügt, um die Verantwortlichen einige Jahre in den Knast zu befördern, oder in die Psychiatrie, hätten die Angeklagten von Selbstverteidigung fabuliert. Oder hätten sie von einem Versehen gefaselt, wären sie wegen fehlender Reue einige Jahre länger in einem anderen staatlich subventioniertem Gefängnis geblieben als in dem, aus dem heraus sie gemordet haben. Und hätten sie hier in Deutschland gar diese Familie getötet weil sie, ich wiederhole das gerne noch einmal, auf Aufforderung nicht gehalten hat, nicht, weil sie sich strafbar gemacht hat oder gar die Soldaten angegriffen hat (Kinder!), so wäre das Totschlag bis Mord gewesen und auch dieser Verteidigungsminister wäre gleich mit abgeschossen worden, um im Soldatenjargon zu bleiben… Oder nicht? Nun, jedenfalls besitzen sie und ihre Sprecher aber noch einen Rest von Anstand, man sprach immerhin nicht von einem „kleinen“ Versehen oder gar von Peaunuts.

Gut, ich weiß, - in Afghanistan ist das etwas Anderes, dort helfen die Soldaten beim Wiederaufbau, wie es heißt, um genau zu sein: Den USA beim Wiederaufbau, und da sind die Kollateralschaden auch gelegentlich Zivilisten.

In dieser Woche bisher 80 Zivilisten, um genau zu sein, was allerdings keine Einzelleistung der deutschen Wiederaufbautruppe ist, sondern eine Teamleistung der gesamten Isaf- Truppen darstellt. Alle aus Versehen oder zur Selbstverteidigung getötet. „Aus Versehen“;- ich könnte heulen vor Wut, wenn ich lese, dass sie das auch noch öffentlich zugeben, sie schämen sich überhaupt nicht. In einer zivilisierten Gesellschaft ist man moralisch schon unten durch, wenn man versehentlich einen Zwerghasen überfährt mit dem Auto, und die da unten… Und Reue empfinden sie schon gar nicht, anscheinend, jedenfalls ist davon nichts zu lesen oder zu hören, sie tun ihre Pflicht, wie es schön falsch mit falschem Hilfsverb im Soldatendeutsch heißt, und wenn unsereins ein Kaninchen totfährt aus Versehen…Ein Kaninchen totfährt zur Selbstverteidigung…

Oder die Schaufensterscheibe einer prominenten Partei einwirft aus Versehen oder zur Selbstverteidigung, oder die einer Kaserne (aber da bitte: Vorsicht, Schusswaffengebrauch, möglicherweise), - nehmen Sie es wie Sie wollen: Es gibt andere und genügend Möglichkeiten zur politischen Diskussion und Mitbestimmung in diesem freien Land.Um aber noch einmal auf die Frage zurückzukommen, wie man sich nach einem solchen Vandalenakt fühlt: Es ist lange her, aber ich glaube mich erinnern zu können: Sehr gut, jedenfalls besser, als wenn man zur Selbstverteidigung ein Meerschweinchen tötet. Trotzdem, machen Sie das nicht, beides nicht, schon gar nicht wie mein nicht immer lieber Neffe, tagsüber, genießen Sie lieber, anders als die afghanischen Zivilisten, die das durch ein kleines Versehen nicht mehr können:

Einen schönen Tag.

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