Büroprostitution

von KeinB

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Ich war einkaufen. Eine Handvoll Lebensmittel und ließ dafür knapp 6 Euro an der Kasse liegen. Die kürzlich eingetroffene Jahresabrechnung meines Energielieferanten offenbarte mir gestiegene Strom- und Gaspreise, und von den Benzinpreisen will ich gar nicht erst anfangen. Da lobt man sich doch die öffentlichen Verkehrsmit… öhm, nein, streichen wir das, da wurde auch aufgeschlagen.

Es ist wohl unbestritten, dass die Lebens(er)haltungskosten in den letzten Jahren konstant gestiegen sind. Und egal, wie sehr man sich auch bemüht, der Erzeugerfraktion zu vermitteln, dass man auch ohne ihre finanzielle Unterstützung auskommen könnte, diese aber dennoch eine gerngesehene Hilfe ist, irgendwann ist selbige stur der Meinung, man sei endlich alt genug, um für sich selbst aufzukommen. Nun, ich bin 27 und meine Erzeugerfraktion hat bereits vor mehreren Jahren beschlossen, den Geldhahn zuzudrehen. An und für sich ist das kein Problem, schließlich hab ich seit drei Jahren den Kerl und – ich gestehe es ohne Scham, lasse mich mehr oder weniger aushalten. Für den Kerl ist das auch kein Problem, wir haben da einen Deal: Er füttert mich und ich studiere dafür fleißig, und während meiner Semesterferien verdiene ich ein bisschen dazu.
Das klappte die letzten paar Jahre ganz gut, ich war unterbezahlte Aushilfe in einer Lebkuchenfabrik, ich war mäßigbezahlte Aushilfe in einem großen Katalogversandhauslager und ich war verdammt gut bezahlte Werkstudentin bei einem weltweit mit Schmiergeldern agierenden Unternehmen. Auch die Verantwortung wuchs von Stelle zu Stelle. Ich fing an mit in Kartons abgepackten Lebkuchen, die ich in größere Kartons abgepackt habe. Im Versandlager durfte ich dann mit dem Einsammeln verschiedener kreuz und quer im Lager verteilter Artikel anhand einer vorgefertigten Liste halbwegs anspruchsvolle Arbeit verrichten. (Wer jetzt glaubt, dass das Lebkuchenpackungen in Kartons schichten NICHT anspruchsvoll sei, hätte, so wie ich, seine helle Freude an meinen damaligen Kollegen gehabt, ihr Tun meist mit einem Kopfschütteln quittiert und ab und zu das dringende Bedürfnis gehabt, einen Kopf gegen irgendeine Wand zu schlagen. Egal wessen.)
Letztes Jahr schaffte ich den Aufstieg aus dem Lagerbereich in die glitzernde Bürowelt. Vier Wochen lang fütterte ich dem Computer mir sinnlos erscheinende Daten, telefonierte manchmal mit zumeist höflichen Kunden und erhielt ab und zu einen Kinnkrauler von der Chefin, wenn ich etwaig anfallende Sonderaufgaben so erledigt hatte, dass sie sie nicht noch einmal machen musste. Ich mochte diesen Job, er war einfach und ich glücklich.

So hätte es eigentlich weitergehen können. Aber das Leben ist nicht umsonst ein kleines Arschlochkind.

Denn dieses Jahr hat das Schmiergeldunternehmen beschlossen, Werkstudenten nicht mehr direkt über die Abteilungen einzustellen, sondern über einen großen Bewerberpool, in welchem ich seit etwa zwei Monaten herumdümple und darauf warte, dass mich jemand herausfischt. Da ich bis zu jenem freudigen Tag aber nicht von Luft und Liebe leben kann, habe ich mich anderweitig umgesehen und bin über eine Zeitarbeitsfirma bei einer Trocknungsfirma gelandet.
Für jene unter Ihnen, die mit dem Begriff Trocknungsfirma nichts anfangen können (und das ist keine Schande): Stellen Sie sich vor, der Schlauch ihrer Waschmaschine ist geplatzt und Sie haben das nicht sofort gemerkt. Ihr Parkett hat sich mit Wasser voll gesogen, ebenso ihre Wände, vielleicht ist auch Wasser durchgelaufen zum Nachbarn unter Ihnen und macht da unschöne Flecken.

Dann rufen Sie mich an, denn ich sitze am Telefon einer Trocknungsfirma und ich schicke Ihnen einen Menschen vorbei, der sich das Ganze mal unverbindlich anschaut. Dieser macht Ihnen dann ein Angebot und wenn Sie (oder Ihre Versicherung) wollen, trocknen wir Ihnen die Feuchtigkeit weg und irgendwann ist alles trocken und Sie sind glücklich und wir auch, denn wir kriegen Geld von Ihnen.

Das klingt jetzt sehr einfach und unkompliziert. Intern verhält es sich jedoch anders. Das fängt schon bei der allgemeinen Wahrheitsliebe an: „Sag halt, dass…“ - Ich habe in meinem gesamten bisherigen Leben nicht so viel gelogen wie in den letzten Wochen. „Ja, Herr B. hat das Angebot am Dienstag per e-Mail verschickt, da versteh ich jetzt aber gar nicht, dass das nicht bei Ihnen angekommen ist.“ „Tut mir leid, Herr S. ist in einer Besprechung.“ „Also, das ist aber komisch, dass Herr F. noch nicht bei Ihnen ist, der ist vor 20 Minuten aus dem Haus.“ Das einzig Gute daran ist, dass ich den Kunden nicht ins Gesicht sehen muss.

Auch das Arbeitsklima ist nicht gerade lobenswert. Wir befinden uns in einer Niederlassung mit etwa 10 Büroknechten und insgesamt 20 Außendienstlern, Sachbearbeiter und Monteure eingeschlossen. Diese Niederlassung koordiniert den gesamten Großraum Franken. Entsprechend häufig habe ich also auch Leute am Telefon, die ich akustisch bedingt (fränkisch) nicht verstehe. Eventuelles Nachfragen bzw. genaueres Hinhören wird von der um mich herum herrschenden Bürolautstärke nicht unbedingt gefördert. Ich bemühe mich, so gut es geht, Daten aufzunehmen, weiterzuleiten und/oder in den Computer einzupflegen. Das ist allerdings eine Aufgabe, die nur dann Spaß macht, wenn einem nicht jeder niedergeschriebene Hörfehler bezüglich Straßenname oder Wohnort oder gelegentliche Tippfehler auf dem Silbertablett unter die Nase gehalten wird. Dass in solchen Fällen kein Scheinwerfer angeht, auf mich strahlt und kein blöder Jingle ertönt, ist aber auch alles. Stattdessen habe ich mindestens einen von zwei permanent hysterischen Kollegen vor mir stehen, deren Augen übermäßig aus den Höhlen hervortreten, deren Stimme einen weinerlichen Klang hat und über deren Verhalten ich mich schlapp lachen würde, wenn sie in einem schlechten Film wären. Sind sie aber nicht. Entsprechend angespannt gestaltet sich meine Stimmung.

Um mein Problem verständlicher zu machen: Ich bin eingestellt als Bürohilfskraft. Ich sollte Datenpflege betreiben und mich um die 08/15-Korrespondenz kümmern, anstatt am Telefon den Mittler zwischen denen, die sich auskennen und denen, die keinen Plan haben, zu mimen.
Ich mache den ganzen Tag fast nichts anderes als telefonieren – ich hasse telefonieren, und kriege eigentlich alles ungebremst ab. Die Wut der Kunden, weil unsere Pfeifen gepfuscht haben, oder sich keiner gemeldet hat, oderoderoder, die Gereiztheit des Kollegen, der seit dem halben Jahr, das er den Job macht, chronisch überfordert ist, das Gemotze von der anderen Seite, weil ich Informationen, dir mir auf Nachfrage im Schnelldurchlauf in 20 Sekunden vorgebetet wurden nicht 100% korrekt wiedergegeben habe, die Verständnislosigkeit des Chefs, dass die Dame mit dem kostenlosen Wasserspenderangebot darauf bestanden hat, ihn direkt zu sprechen und ich zu ihm durchgestellt habe.

Obwohl Sie mir das wahrscheinlich nicht glauben werden, aber: Das sind alles Dinge, mit denen ich mich arrangieren könnte. Ich kann auch ein Arschloch sein, ich könnte gewissenlos die nette alte Dame von Nebenan anlügen, ich könnte zurückpampen, wenn mir der Kollege blöd kommt und den Chef geflissentlich ignorieren. Wenn, ja, wenn ich nicht ständig das Gefühl hätte, unterbezahlt zu sein. Ich fühle mich aufs übelste ausgenutzt. Ich habe Lagerjobs gehabt, bei denen ich mehr verdient habe, sogar wesentlich mehr. Es ist traurig, dass man heutzutage bei manchen Kopfjobs weniger verdient als bei irgendwelchen stupiden Körperjobs. Das Allertraurigste daran ist aber, dass ich, als ich noch nicht die Telefontussi war, beim Erledigen der Korrespondenz eine Abrechnung meiner Zeitarbeitsfirma in die Finger bekommen habe und feststellen musste, dass ich nur unwesentlich mehr als ein Drittel des Geldes sehe, das meine Zeitarbeitsfirma für mich verlangt.

Übrigens: Wenn in der Woche vor dem zweiten Oktober, an dem der Vertrag mit meiner Zeitarbeitsfirma ausläuft, eben jene zu mir kommt, und den Vertrag verlängern möchte, werde ich ablehnen und mir irgendwo anders einen gemütlichen, stupiden Lagerjob suchen.
Da entspricht die Bezahlung wenigstens dem Stresslevel.

In diesem Sinne: eine schöne restliche Arbeitswoche.

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