in bearbeitung

von ungesagt

was kann schon werden.aus einem tag.der um fünf uhr morgens damit beginnt:die pisse eines anderen wegzuwischen.mit abgeblättertem nagellack und augenringen.überhaupt mehr alles andere.als augen.und zuerst bin ich böse und schimpfe und beinah auch:weine.aber dann.dann bewundere ich das fast.er lässt es eben:einfach laufen.resigantion in ihrer vollsten konsequenz.und das:bewundere ich.denn ich.ich flicke noch meine herzteile zusammen und gehe arbeiten.oder mache eben dinge.wenn auch gebrochen.
und weinend.schreie:ich will sterben.in den telefonhörer.und höre dann auch im hörer:ein weinen.
k. kommt und sagt:du musst essen.f. kommt auch.mit gras und all dem.weil er weiß,dass man hier mit zigaretten nicht mehr weiter kommt.aber der tabak fällt mir immer wieder aus den händen.und dann dreht f. für mich.mein kopf sinkt gegen erde.bis f. ihn aufhebt.mit beiden hände.und mich küsst.und meinen namen sagt.und dann fast böse:reiss dich zusammen.und ich lache ganz laut.weil:das ist es doch.dass bei mir kein reissen mehr möglich ist.

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pierre

von tausendschön

es wintert kalt in diesem letzten monat, frostig, wie um den höhepunkt eines kalten jahres zu verkünden. ich bin auf besuch, wir sitzen im wohnzimmer und diskutieren, mein vater und ich.  vielleicht hatten wir gehofft, der frost verhindere die gemeinen kleinen, heißen funken, die wir in jedem unserer gespräche versprenkeln, trotzdem wir nur über das wetter reden. der frost tut uns nicht den gefallen, so streiten wir eben wie üblich, diesmal über merkmale von jahreszeiten im allgemeinen und über die vergangenen wochen im ganz besonderen. er nennt sie herbst, denn das laub war rot, aber ich habe ganz deutlich den frühling gerochen, und ihr seht schon, daß wir niemals auf eine nenner kommen werden. wir diskutieren trotzdem, laut und mit verschränkten armen und bisweilen mit einem leichten anflug von verlegenheit kämpfend, wissen wir doch beide, daß wir über unterschiedliche dinge reden und daß die luft meiner neuen heimat ganz anders riecht, und, nebenbei bemerkt, auch wärmer ist. meine mutter indes schält diese mandarine mit ihren rührenden abgekauten kleinen fingernägeln. tatsächlich ist es mehr ein versuch, denn sie behält den ganzen abend die gleiche mandarine in der hand. es ist nicht ihre erste – sie probiert es jeden winterabend, und es kommt nur selten einmal vor, daß sie es schafft, eine ganze mandarine zu schälen. ich verstehe nicht, warum sie es tut, vielleicht um ihren trotz über die fingernagelreste zu besiegeln, denn am ende des abends ist die mandarine zu matschig, um noch eßbar zu sein. von zeit zu zeit schaut meine mutter mit traurigen augen auf ihre mandarineschälenden finger, aber nie in meiner gegenwart wurde sie je von einer unzufriedenheit übermannt, und zu jeder neuen dunkelheit scheint das blatt neu gemischt. mein bruder pierre starrt meine mutter an, wenn sie sich mandarinensaft aus den augen wischt, er starrt ihr in die augen, in denen zwischen zwei augenzwinkern einmal kurz meine zu bunte strumpfhose aufleuchtet. er starrt auch meinen vater an, seine lässig geknackten nüsse und die schmal gewordenen schultern, und ich bin mir nicht sicher, ob er auch sieht, und auf die gleiche art, was ich sehe: wie eine ungeübt zitternde hand durch den grauen kranz im dunklen haar streicht. mein bruder jedenfalls steht auf und geht ohne gruß in sein zimmer, ich weiß nicht: holt er das verrückte streichholzschloß, an dem er jeden abend baut, oder geht er ins bett. er ist ein zweifelhafter mensch, schon seine geburt war zweifelhaft, ich erinnere mich nicht recht daran, nur an den tag, der ihr vorausging: ein tag wie weihnachten, keine geschenke, aber friedlich und schön, ein tag leben, und dann kam er. ich weiß nicht, ob es an ihm hing, kurze zeit später kam diese weihnachtliche stimmung nicht einmal mehr bei geschenken auf. doch er blieb, pierre, ruhig wie ein stein, vielleicht hat er einfach nur keinen verstand, den er verlieren kann (dann hat er wirklich glück), oder er ist wirklich ein stein. manchmal frage ich mich, wieviel zeit seit seiner geburt verstrichen ist, so viel kann es wirklich nicht gewesen sein, und doch, so meine ich, wäre es für ihn an der zeit, hier rauszukommen. aber so viel weiß ich von ihm: er geht nicht. und plötzlich weiß ich auch, daß er die zitternde hand gesehen hat.
er kommt zurück aus seinem zimmer. in den händen hält er kein streichholzschloß. schon gar nicht für mich. in der einen hand hält er ein messer. mit der anderen öffnet er das fenster. er schweigt und stellt sich zurück an die türe. er braucht kein messer. er will sicher gehen. ich bewege mich zum fenster, drehe mich nicht um. nicht nach zwei gesenkten augenpaaren. ich will sie nicht hören, nicht die augen und nicht seine stimme. doch ich höre sie. pierre schweigt.
mein kopf hat seine stimme: du bist nicht meine schwester
ich kam danach
ich falle

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Müde

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Ruaf mi net au

Erwarte mich

von BInspired

Bei den Fenstern mit den grünen Klappläden,
bei den Frauen mit dem wiegenden Gang,
in den Gassen bei den Birken und Akazien,
den Bänken im Schatten, den Häusern in Blau.

Beim Schnalzen der Männer auf den Straßen,
bei den Kindern oben auf den Wagen mit Heu,
in den Schürzen bei den Marillen aus den Gärten,
bei den Pflaumen vom Feld, erwarte mich

dort, wo die Panflöte innig von der Heimat erzählt.

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Es ist

von Kindermund

Wenn du es Liebe nennen willst, dann tu es.

Wenn du dafür, dass du jede Nacht bei mir bist um mich zu ficken, das Wort Liebe benutzen willst, dann tu es.
Oder wenn du es Liebe nennen willst, weil du Schmetterlinge im Bauch hast und weil du dich nach meinen Augen sehnst, nicht nur nach meinem Körper, dann tu es.
Aber frag mich nicht danach.
Oh, auch ich höre es gerne: „Ich liebe Dich“, auch in mir wohnt eine kleine Prinzessin. Aber wenn du es nicht sagst, dann werde ich es nicht vermissen. Nur musst du dich entscheiden. Es sind Worte, nichts als Worte. Und nach ihnen darfst du mich nicht fragen. Ich gehöre ihnen mehr, als ich dir je gehören werde, bin ihnen hörig.
Es gibt einige unter ihnen, denen auch ich diesen Zauber zuspreche: Liebe. Vertrauen. Geborgenheit. Meinetwegen sogar Schicksal. Doch ihnen wohnt ein Traum inne, den nur Kinderaugen fassen können. Deshalb nehme ich sie nicht in den Mund. Ich liebe stattdessen die kleinen, realen Worte, jene, die etwas beschreiben, das es wirklich gibt.
Und wenn du in der Nacht zu mir kommst, um kleine, reale Dinge zu tun, dann nenne es, wie du willst. Ich nenne es ficken.
Und wenn du auch tags zu mir kommst, um mir Dinge zu geben, die du Vertrauen und Geborgenheit nennst, dann habe ich kein Wort dafür. Ich brauche auch keines.

Wenn du eines brauchst, dann nimm es dir. Ich mag „Liebe“. Auch wenn es zu voll von Sternen ist, die wir unbedacht in den Himmel getupft haben.

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Manieren und Zentralverriegelung

blog_Organisch.JPGZuerst wollte ich heute über einen abgehalfterten Politiker schreiben, den man aus einer noch abgehalfterten Partei hinauswerfen wollte, nur weil er empfohlen hat, diese Partei nicht zu wählen, also eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat, wenn auch nicht als mündiger Bürger, sondern als Vertreter der Energiewirtschaft, aber immerhin… Nur hätte ich dann im Laufe der Kolumne etwas vergessen (müssen), nämlich meine Manieren, und so, zur Erinnerung an Manieren und Höflichtkeit auch als Vorsichtsmaßnahme:

Es geht doch nicht ohne gewisse Umgangsformen im menschlichen Miteinander, sonst gibt es zumindestens moralischen Mord-und Totschlag überall, und warum diese Umgangsformen dann nicht gleich ein wenig verfeinern. Es hat sich fast überall herumgesprochen, dass man nicht von seinem Wohnzimmerfenster aus auf seine Mitmenschen schießen darf, und von der Akzeptanz dieser auch, bei Nichteinhaltung, sanktionierten Vorschrift bis zum Aufstehen für die gebrechliche Omama im Bus ist es nur ein kleiner Schritt. Es geht um Respekt voreinander, es geht um gegenseitigen Schutz, und ist man dazu nicht aus allgemeiner Nächstenliebe bereit, so vielleicht aus Eigennutz: Man möchte ja selbst auch nicht abgeknallt werden auf offener Straße und auch Busfahren dürfen, wenn man selbst alt wird, geworden ist.

Wir leben im Zeitalter der Distanzlosigkeit, der Vereinnahmung durch Gruppen und durch einzelne Mitmenschen, wer heute nicht jeden spontan, symbolisch gesprochen, umarmt, gilt als Soziopath, das schafft aber eine latente Aggressivität, die Gruppen oder Beziehungen sind nur wenig harmonisch in sich, sehr fragil also, da sie als Gemeinsamkeit nur die bloße Gruppenzugehörigkeit haben, ihnen fehlt das Schopenhauersche „Medium an Weltinteressen“, und wo wir schon einmal bei Schopenhauer sind in dieser Bildungskolumne: Schopenhauer hat den Sinn von Anstand und Moral am Beispiel einer Gesellschaft von Stachelschweinen erläutert, sie brauchen die gegenseitige Wärme, aber die Stacheln verhindern eine tatsächliche Nähe, den Abstand, den sie als erträglich empfinden, nennen sie Anstand und Moral. Man liebt also die Omi nicht, für die man im Bus aufsteht, man behandelt sie nur anständig, mit Respekt. Gegenseitige Wärme auf Distanz… Höflichkeit…Und die sollte man gerade bei den Menschen pflegen, die man besonders lieb hat, so bleibt diese Wärme auch im Alltag nach der Liebe ein wenig erhalten.

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Jack Daniels

Er rief mich täglich an, furchtbar, wenn Sie mich fragen, und dann redete er mit dieser müden Stimme, wie sie Psychologen haben, oft, oder sonstige Menschen, die alles verstehen, die alles zu verstehen versuchen, alles zu verstehen glauben. Worum es ging: um Kant und Aristoteles, Platon, Jaspers, oft, Psychologie, Soziologie, Kunst, Literatur, zum Beispiel, und am Ende führte alles in die Eschatologie. Haben Sie dieses gelesen und jenes, müde Stimme, Zitate, Meinungen zu allem, kleine Bonmots. Keine wichtigen Themen, nichts über Frauen, Fußball oder Boxen, zum Beispiel, und wenn doch: Mitscherlich, Handke oder Wondratschek. Mich hat vorhin Jack Daniels angerufen, sagte ich gestern, er wartet auf meinen Rückruf, es ist dringend, es geht um sein neuestes Werk, um meine Meinung dazu. Er kannte ihn nicht, eigentlich kennt er niemanden und nichts, aber er recherchiert, natürlich: vielleicht ruft er deshalb heute nicht an, morgen nicht und nie wieder.

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