Nach vier Jahren
von Kindermund

Ich habe mir vorgenommen, eine Kolumne übers Ausziehen zu schreiben. Damit meine ich nicht meine Kleidung, sondern mein Internatszimmer. Ich dachte mir, darin liegt doch jede Menge Symbolik, wenn es darum geht, wie wir Menschen mit Veränderungen umgehen.
Aber wie schreibt man darüber, wie etwas zu Ende geht anstatt zu entstehen?
Was entsteht, ist ein leeres Zimmer mit all seinen metaphorischen Bezügen. Es steht dafür, dass ich Platz machen muss für andere, die auch ein Recht auf vier wunderbare Jahre im Internat haben, aber auch dafür, dass ich einen Teil meines Lebens aufräumen und fein säuberlich hinterlassen muss.
„Es ist Lebenskunst, die schönen Dinge im Leben nicht aufhören, sondern ausklingen zu lassen“, sagt Elisabeth Bergner. Doch etwas ausklingen zu lassen erfordert Kraft. Viel leichter ist es, ungebremst auf das Ende zuzurasen, bis es dann kommt. Und dann gibt es den Moment, in dem wir vor gepackten Koffern stehen, sie ins Auto hieven und dann, nachdem wir nur die Hälfte unserer Freunde ein letztes Mal gedrückt haben, weil der Rest gerade nicht da war, fort fahren, für immer.
Mein Zimmer verliert seine Eigenschaft, mir zu gehören, irgendwo auf dem Weg zwischen Bücher-aus-dem-Regal-räumen und Bilder-von-der-Wand nehmen. Ich verabschiede mich am Ende von einem leeren Zimmer, nicht von meinem. Und so ist es doch eigentlich immer: Bevor wir uns von etwas wirklich verabschieden können, ist es schon vorbei. Und was heißt das überhaupt, verabschieden? Meinen Freunden kann ich auf Wiedersehen sagen, aber dem Internat nicht. Es antwortet nicht und klopft mir nicht tröstend auf die Schulter. Ich muss einfach gehen. Die Dinge hören einfach auf und neue fangen an. Und je mehr wir erlebt haben, desto trauriger werden wir, weil diese Dinge nicht mehr andauern, weil wir wieder ein Stück von uns selbst auf dem Weg zurück gelassen haben.
Wenn man umzieht, wenn ein Lebensabschnitt vorbei geht, dann hören so viele Dinge auf einmal auf, dass man aufpassen muss, nicht ins straucheln zu kommen. Dann kommt bald etwas neues, das genau so wunderbar werden wird, aber erst einmal muss man ein ganzes Zimmer leer räumen und alle Güter, alle Gedanken und alle Gefühle, die dazu gehören, zwischenlagern, bis man wieder irgendwo einziehen und sich entfalten kann. Das wird wohl die Kunst sein: sich so kunstvoll und sorgsam zusammen zu falten, dass man an einem anderen Ort die Flügel ohne Knittern und Risse wieder ausbreiten kann.
Als letztes nehme ich die Ü-Eierfigur, die exakt aussieht wie unsere Internatsleiterin, von meinem Schreibtisch und lasse sie in einer großen Kiste verschwinden, die die Aufschrift „Internat“ tragen wird. Und wenn mir in ein paar Jahren danach ist, dann werde ich in die Kiste hinein sehen. Oder ins Auto steigen und sehen, wer inzwischen in meinem Zimmer wohnt.
Wehmütig werde ich immer ans Internat denken. Und dankbar.

