Planspiel Börse. Von Kindern und Diktatoren
von para.gone

Ich habe neulich eine Studie gelesen, in der Kinder und Jugendliche das Diktatorspiel gespielt haben. Klingt grausam, ist es aber nicht: Das Diktatorspiel ist ein spieltheoretisches Paradigma, das daraus besteht, dass eine Person bzw. eine Gruppe – der bzw. die Diktator(en) – eine vorgegebene Menge an Geld zur Verfügung haben, also z.B. 20€, die er/sie unter sich und einer unbekannten anderen Personen bzw. Gruppe aufteilen müssen. Der andere Spieler kann das vom Diktator gemachte Angebot hierbei nicht ablehnen. Dabei erhält, wenn die Gruppenvariante des Spiels gespielt wird, jedes Gruppenmitglied genau soviel Geld, wie der eigenen Gruppe zugeteilt wurde; wenn sich also für eine 50:50-Aufteilung entschieden wird, erhält jeder Diktator 10€ und jedes Mitglied der anderen Gruppe ebenfalls 10€.In diesem konkreten Fall wurden also jeweils drei Kinder unterschiedlicher Altersstufen in einer Gruppe von Diktatoren zusammengefasst und standen vor der Aufgabe, über die Verteilung von Geld in etwa der Höhe ihres wöchentlichen Taschengeldes zu diskutieren. Was mich am heftigsten dabei überraschte, war, abgesehen von der Tatsache, dass die Gruppenentscheidung häufig stark von dem Einfluss desjenigen Kindes abhing, das auf dem moralisch höchsten Level argumentierte, die häufigste Aufteilung, welche die Gruppen vornahmen. Nämlich: 50:50. 10€ für dich, 10€ für mich. (Wen die ganze Studie interessieren sollte, bitteschön, hat aber ansonsten eigentlich wenig mit dem Thema zu tun:
Blackwell Synergie
Nun, was ist daran so verwunderlich? Eigentlich alles. In der Spieltheorie wird davon ausgegangen, dass Spiele nach dem Minmax-Prinzip gespielt werden, wenn es sich um Nullsummenspiele handelt; wenn beide Spieler keine bessere Strategie mehr wählen können, um ihren Gewinn zu maximieren, haben sie ein Nash-Gleichgewicht erreicht und damit strategisch sinnvoll gehandelt. Was hieße es, im Diktatorspiel strategisch sinnvoll zu handeln?
Die Diktatorengruppe müsste den gesamten Betrag einsacken und fröhlich grinsend nach Hause hüpfen. Nun gut, man mag einräumen, dass es soziale Konventionen und gesellschaftliche Verantwortung gibt, aufgrund derer die Spieler der anderen Gruppe etwas abgeben könnten – etwas. Aber doch nicht die Hälfte des Geldes, würde man meinen, nicht in einer globalisierten, wirtschaftsliberalen Welt, in der jedes Kind im Kindergarten schon lernt, dass es mit seinen Freunden konkurrieren muss, um irgendwann im Studium A-Bachelors erhalten und damit in Großunternehmen unendlich viel Geld auf das eigene Konto managen zu können.
Seit Anfang 2008 macht die Börsenkrise der USA Schlagzeilen und bedroht deutsche Aktieninvestoren. Die Krise der US-Immobilienkredite ist schockierend, nie zuvor gerieten große Banken wie die Westdeutsche Landesbank oder die SachsenLB über Nacht in ein finanzielles Nirwana. Erschütterung auch über falsche Marktprognosen bekannter Ratingagenturen. Die Börse erscheint plötzlich wie eine riesige, unberechenbare Chimäre, welche die Welt mit ihrem Wüten in die Vernichtung stürzen könnte. In Diskussionsforen wie Spiegel Online erscheinen plötzlich Themen wie „Droht die Weltrezession?“ und User diskutieren über „Das Ende des Kapitalismus“, sprechen plötzlich von gesellschaftlichen Klassen und der Revolution des Proletariats und davon, dass sich der Kapitalismus selbst vernichte. Einen Tag, nachdem die Investmentbank Bear Stearns fast kollabiert wäre, lässt selbst der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, verlauten, dass er „nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte glaube“.
Zugleich zeigen sich in Deutschland immer mehr Tendenzen einer neuen Solidarität, die frei von ideologischer Rhetorik und Verblendung ist. Der parteiverdrossene Bürger des 21. Jahrhunderts ist zu skeptisch geworden, um politischen Programmen hinterher zu rennen und drückt seine politischen Interessen eher in der Privatheit als in der Öffentlichkeit aus. Soziales Engagement, selbstverwirklichende Tätigkeiten, Verzicht auf das große Geld, Unterstützung von Freunden und Benachteiligten, Solidarität im Kleinen, nicht auf der großen, politischen Weltbühne, ist gefragt.
Auf der anderen Seite des politischen Machtgefüges erlebt die SPD einen Linksrutsch, während sich die CDU mit Parolen sozialer Marktwirtschaft auf Ludwig Erhard zurück besinnt.
Man mag von alledem halten, was man will. Aber man sollte zu den Veränderungen in einer Gesellschaft, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts das Primat des Kapitalismus verkündet und wirtschaftsliberale Götzen angebetet hat, Position beziehen. Und gespannt sein, was passiert. (Und vielleicht vor Ende des Jahres keine neuen Aktien mehr kaufen, aber das nur nebenbei.)


