Mahlzeit

Unser heutiger Gast: BrigitteG, vielen Dank für den Beitrag und: Herzlich Willkommen.

BrigitteG:

Es fing im vorigen Jahr an, bei einem Betriebsausflug, und ich hatte nie zuvor daran gedacht. Ein ganz unvertrauter Gedanke, eine Idee, zuerst nur vage in meinem Kopf. Dann wurde sie, als ich so nahe dran war an den Männern und Frauen, immer intensiver, und ich konnte diese Vorstellung nicht mehr aus meinem Kopf bekommen.

Es war das Mittagessen, natürlich.

Vor dem Ausflug mussten damals alle, die mitfahren wollten, ankreuzen, welches Mittagessen sie wollten: zur Auswahl stand ein Salat mit Putenbruststreifen, Hähnchencurry mit Reis und Gemüse, oder ein Rinderbraten mit Knödeln. Wir saßen in diesem großen Restaurant, bekamen unser Essen, ich schaute mich gedankenverloren um und war geplättet. Absolut alle Kolleginnen hatten entweder den Putenbrustsalat oder den Hähnchencurryreis, absolut alle Kollegen den Rinderbraten. Und wir waren ca. 70 Leute.

Ab da fing ich an zu beobachten, ob Frauen und Männer unterschiedlich aßen. Es gab weniger fettes Essen bei Frauen, regelmäßiger Salate, und immer wieder Gespräche zwischen ihnen: ein Austausch darüber, warum man sich diesen oder jenen Nachtisch nicht leisten könne und wann man ein schlechtes Gewissen beim Torte essen habe. Die Zeit, in der die Frauen sprachen, nutzen die anwesenden Männer zum Essen.

Bei Edeka in der Tiefkühlabteilung kam ich zu weiteren Erkenntnissen – vor den großen Glastüren zwang sich mir der Eindruck auf, dass mehr Frauen Tiefkühlkost essen als Männer. Kommt das daher, weil Tiefgekühltes ein relativ gesundes Image hat? Es gab „Gemüseideen Asia Wok-Mix“, „Biodampfgemüse mit Babykarotten“, „Pastalini in Rahmspinatsoße“, „Vivactiv Gemüsereis“, „Naturfischfilet mit Marinade Zitrone-Schnittlauch“, „Herzhafte Gemüsespieße“, „Riesenchampignons mit Frischkäse und Bärlauch“. Und was gab es für die Männer: nur „Rinderroulade mit Apfelrotkohl und Salzkartoffeln“ und „Zwei Cheeseburger fix und fertig“. Da wird Mann ja notgedrungen zu Grillfleisch, Kasseler, dicken Käsesoßen und Braten getrieben…

Allerdings fand ich auch, dass der Genuss am Essen bei den „männlichen“ Speisen um einiges höher eingeschätzt werden konnte als bei Salat und magerem Geflügel. Muss daraus jetzt geschlossen werden, dass alles gesund ist, was man mit Überzeugung isst oder tut? Das gäbe eine völlig neue Perspektive für mich, in der Bäckerei, wenn ich noch zwischen der Schwarzwälder Kirsch und der Donauwelle schwanke.

Ich hatte beim Betriebsausflug übrigens den Hähnchencurryreis.

lebendigbegraben:

Das Problem dürfte allen bekannt sein: Männlein und Weiblein gehen gemeinsam essen. Er hat sich schon lange entschieden, sie schwankt noch. Zwischen dem Salat, dem Fischgericht oder dem Diät-Teller.
Er freut sich schon lange auf sein Steak mit Kartoffeln und Soße, während sie verzweifelt ihre „Weight-Watchers“-Tabelle durchsucht, um herauszufinden, ob sie sich denn diesen fetttriefenden Salat überhaupt zumuten kann.
Nachdem sie sich dann endlich entschieden hat, den Salat ohne Salatsoße zu nehmen, wird bestellt und (je nach Lokal) einige Zeit später auch geliefert. Und wie die Kollegin oben beschrieben hat, versucht sie ein Gespräch in Gang zu setzen, während er sich in seinem Heißhunger möglichst nicht stören lässt. An solchen Situationen sind schon Beziehungen gescheitert, ehrlich!
Nach dem Hauptgericht (die Vorspeise lassen beide ausfallen) kommt natürlich noch das Dessert. Für ihn, natürlich. Ihre Figur verträgt das ja nicht.
Nach dem Dessert gehen beide nach Hause, er pappsatt, sie tut jedenfalls so (ich bin auch nur ein Mann, ich verstehe Frauen generell nicht…) und so sind alle zufrieden. Hungrig, aber zufrieden.

Das ist eine ganz alltägliche Situation, überall zu beobachten. Überall, wo es Essen gibt, versteht sich.
Also auch im Supermarkt um die Ecke. Er packt seinen Einkaufswagen voll mit allen Leckereien, die ins Budget passen, während sie zielstrebig auf die Hauseigene Diätmarke zurückgreift. Die Produkte sind zwar größtenteils völlig geschmacklos und kaum als essbar zu bezeichnen (Selbsttest!), aber immerhin gut für die Figur.
An der Kasse wird gezahlt, ich weiß, total überraschend. Zu Hause wird dann hoffentlich gekocht. Er weiß schon, wie: Mikrowelle auf, Essen rein, Mikrowelle zu, anmachen, warten. Bon Appetit.
Sie steht fröhlich vor dem Herd, rührt ihre Fischpfanne „Extra-Leicht“ um, verfeinert mit etwas Wasser (das Thema Soße hatten wir ja schon) und isst hinterher das (geschmacklose) Ergebnis. Mit gutem Gewissen, steht ja „Extra-Leicht“ drauf.

Preisfrage: Warum behaupten diese dummen Deutschen Umfrageleute immer noch, dass die Deutschen sich nicht figurbewusst ernähren? Und zwar mehr als 70 % der Deutschen, also mehr als alle Männer!
Wer eine Antwort weiß, möge sie mir schreiben, ich gehe jetzt jedenfalls meine Pizza in den Ofen schieben.

Einen schönen Montag
Mahlzeit
Alex

Kindermund:

Mit Fischpfannen „Extra Leicht“ konnte ich mich noch nie anfreunden. Wenn ich esse, dann will ich auch satt werden. Und dann will ich, dass es nach was schmeckt. Letztens höre ich doch bei McDonalds den Typen hinter mir zu seinem Kumpel sagen: „Ich hab noch nie ein Mädchen was anderes als einen McSalad bestellen sehen…“ und muss mich zurückhalten, dass ich mich nicht umdrehe und sage: „Ja Mann, ich hab Hunger“ Denken die, ihre Freundinnen fühlen sich so toll, wie sie behaupten, wenn sie ihr Bonaqua zutschen während der Kerl vor ihnen genüsslich einen BigMac verputzt? Diätkram essen macht keinen Spaß. Und satt macht es auch nicht.
In Wirklichkeit träumen alle Salätschen-Esserinnen von einem schönen saftigen Steak in sündhaft sahniger Sauce und von einem riesigen Stück Schokotorte als Dessert. Jawoll. Und wenn die Freundinnen der Kerle von McDonalds endlich allein daheim sind, dann holen sie zwei Tafeln Milka aus der Schublade und vielleicht noch eine Tüte Chips und hauen sich in aller Stille die Hucke voll.
Früher ziemte es sich nicht für junge Mädchen, in der Öffentlichkeit mit allzu großem Appetit zu Essen. Heute auch nicht, scheint es. Mich interessiert das nicht. Ich bestelle unbekümmert mein Maximenu mit BigMac, großen Pommes und einem Schokomilchshake. Und hinterher noch ein Eis zum mitnehmen.

para.gone:

Das geschlechterspezifische Essverhalten ist ein Relikt sozialer Konstrukte, die sich so langfristig nicht halten werden. Und das Essverhalten verändert sich, ob der individuelle Mann das nun wahrhaben möchte oder nicht.
In grauer Vorzeit einmal, damals, als Lehrer noch Autoritätspersonen waren und Frauen vor allem mit der Beantwortung zweier lebensentscheidender Fragen ihr Leben verbrachten [nämlich: (1) Was koche ich heute? (2) Was ziehe ich an?], war das Männerbild geprägt von ziemlich lächerlichen Klischees. Lächerlich zumindest dann, wenn man sich klar macht, dass sich diese Klischees nur ein Mann ausgedacht haben kann: Ein Mann war damals stark, emotional hart, dachte logisch, war abenteuerlustig, dominant, weinte nicht und kümmerte sich vor allem nicht um sein Äußeres. Brauchte er ja auch nicht, das übernahm ja auch seine Frau (>lebenswichtige Frage 2) für ihn.
Als Frauen dann langsam anfingen, in ihren hübschen Köpfchen die Idee zu entwickeln, dass es auch andere entscheidende Fragen zu beantworten gilt (Wie kann man den Klimawandel entschleunigen? Wie kann man den Hunger in der Dritten Welt stillen? Welche Form der Marktwirtschaft ist die beste? Wie kann ich möglichst viel Geld verdienen, um später nicht von irgendeinem alten Knacker abhängig zu sein?), erlebten Männer auf der ganzen Welt das, was heute noch jeder männliche Student erlebt, wenn er aus Mamas Nest auszieht.

Eine tiefe Erschütterung. Und plötzlich stellen sich alle Männer der Welt nur noch eine Frage: Was essen wir heute?

Wie wir mittlerweile wissen, wandeln sich Stereotype nur langsam. Stereotype besitzen soziale Funktion [wobei fragwürdig ist, wem dieses soziale Konstrukt dienlich ist] und diese Funktion verschwindet nicht einfach mit Alice Schwarzer. Auch nicht mit Charlotte Roche. Also blieb der Mann, dessen Stereotyp heute ja auch dadurch gekennzeichnet ist, dass er neben all’ den tollen, bereits aufgezählten Eigenschaften vor allem etwas unselbstständig und bequem ist, in seiner Vorstellung, sich nicht um sein Äußeres kümmern zu müssen, verhaftet – und erfunden war das Fertiggericht. Und die Maredo-Steakhaus-Kette. Und der Pizzazulieferer.

Wobei, wie Alex mir zuvorkommend erwähnte, nicht alle Fertiggerichte schlecht sind. Tiefkühl-Gemüse ist beispielsweise ziemlich gesund. Deswegen leben wir Frauen meist auch länger als ihr Männer, weil wir uns gesunder ernähren. Vielleicht solltet ihr aufhören, uns deswegen zu belächeln, um eure eigene Idiotie zu überspielen. Und vielleicht solltet ihr euch ein Beispiel an all’ jenen Männern nehmen, die sich auch mal Gemüse- und Reispfannen braten, ihre Freundin mit einem selbstgekochten Essen überraschen und im Restaurant einen Salat bestellen, weil er einfach verdammt köstlich klingt.

wupperzeit:

Wie man leicht lesen kann: Der Umgang der Geschlechter miteinander ist bestimmt von Klischees, von falschen Vorstellungen voneinander, geht es hier um die Essgewohnheiten, so kann man das verallgemeinern auf alle Dinge, die Frauen und Männer gemeinsam zelebrieren, miteinander zelebrieren, gegeneinander zelebrieren. Also: Weizenkorn oder Mineralwasser, bis hin zu den ganzen Themen, die in einer Jugendkolumne nur zivilisiert besprochen werden dürfen, so lange ich die Kolumne zensieren darf als Teammitglied und überhaupt. Wie auch immer: Man versteht einander nicht. Und will das auch gar nicht anders? Sonst verlöre ja alles seinen so genannten Zauber…Man kann nicht miteinander leben, und will das auch gar nicht, sonst verlöre ja alles seine Romantik…

Aber, um es eher realistisch zu betrachten: Der Alltag in Paarbeziehungen ist die Summe von diesen falschen Vorstellungen voneinander, der Überwindung, Ignorierung, der Resignation darüber, und das Ergebnis eine Art Waffenstillstand zwischen den Geschlechtern. Diesen Zustand nennen wir dann Harmonie, oder Hormongesteuertheit, je nach persönlicher psychischer oder intellektueller Disposition. Und auch: Je nach Dauer der Paarbeziehung. Der Waffenstillstand ist aber auch nur ein Missverständnis. Siehe die aktuellen Scheidungsquoten.

Aus besonderem Anlass erhalten Sie hier einmal einen Tipp kostenlos, das wird nicht die Regel werden, wir sind keine Heiligen: Essen Sie mit Ihrem Partner Spanferkel mit Magerquark, bedienen Sie die Klischees ganz offen und bekennen Sie sich zu dieser Offenheit, zu diesem Kompromiss. Das schmeckt doch überhaupt nicht?, - stimmt, vielleicht, ich bin nicht so verrückt, das zu probieren, ich weiß ja vorher, dass dem so ist, - probieren Sie es einfach oder probieren Sie es nicht, oder nur als Botschaft, oder als Gleichnis, - in jedem Falle:

Einen guten Tag.

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