Ein Idiot

Kein Beitrag für den Kolumnenwettbewerb

Wenn das Telefon läutet, Sonntags, Sonntagmorgens…Nun, sie war am Telefon, Freundin, ob ich das gelesen habe, Jubiläum unseres Einkaufszentrums, deshalb Verkaufsoffener Sonntag heute, und ob ich mitginge, mitgehen würde, auf einen Kaffee. Nein, natürlich nicht, zwei Alarmwörter, die ein „Nein“ automatisch bei mir auslösen, nämlich die Kombination von „verkaufsoffen“ und „Frau“, also: ich habe schon etwas vor, was denn jemand wie ich vorhabe, ich sei schon verabredet, wer sich denn mit mir freiwillig verabrede an einem Sonntag, außer ihr, also: 16.00 Uhr am Hauptbahnhof, Bahnhofsbücherei.

Tatsächlich war sie schon um 16.30 Uhr da, atemlos, sie hatte sich extra meinetwegen beeilt, Sonnenstudio, liegt ja auf dem Weg, und fast hätte sie sich verbrannt wegen meiner ewigen Hetzerei, warum ich so unfreundlich schauen würde, schon wieder schlecht gelaunt, oder wie, bei dem Wetter, und ich selbst bin von den Frauen, mit denen ich zusammen leben durfte, eine Weile, viel zu gut erzogen worden, um auf so etwas zu antworten, und habe eine Strategie entwickelt mit der Zeit, die lautet: Schweigen, Thema wechseln, das Beste daraus machen. Also noch schnell bei der Bank vorbei, das hättest Du auch vorher machen können, gleich bekommt man nirgendwo einen Platz, ja, ich weiß. Ich weiß.

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Amor und Psyche

von Kindermund

Einmal augenblickend im Sternenhagel stehen. Mia, ich kenne dich. Ich kenne dich…
Im Sternenhagel, er ist da, in deiner Rinde, er pocht an die Innenseiten, verursacht ein pulsieren und sie sehen es. Die Jäger, oder – die Prinzen, die falschen, die falschen, sie sehen es, wie es in dir irrlichtert. Mia.
Augenblickend im Sternenhagel, du bist dort, eine jede Nacht.
Mia, wenn sie es dir nehmen; Mia, dann bist du nichts, als eine trockene Hülle. Ohne das Pulsieren.
Sternhagel, und… einmal: was würdest du geben, nur einmal von außen.
Wenn er dich erfasst, wenn es aus dir heraus irrlichtert und um dich herum und von außen, innen, alles eins, innwendige Außenwelt und.
Einmal augenblickend im Sternhagen stehen, Mia, nur einmal, das würde schon reichen.

Mara, nur einmal, einmal wissen und verstehen, Mara. Einmal dich lösen, aus allem und hinfort: schweben.
Im Raum: im leeren Raum und allein. Mutterseelenallein und. Frei, von Dogmen von… brodelnden Hormonen und dem Brodem des Atems Tausender, die Pulsieren, die spiegeln, augenblicken, du hasst es, du willst! Frei. Nicht wollen, Mara, nicht wollen. Sein. Nicht innen oder außen: sein und pur.
Frei, Mara, ich kenne dich, nur einmal frei und. Unabhängig: von allem, auch von dir.
Und auch. Von dem Sternenhagel.
Er nimmt, er zehrt.
Du siehst es an mir, Mara, Mara, kleines.

Mia, ich kenne dich: Mia, es ist der Sternhagel, er nimmt es dir, dein Sein, er löst dich auf. Auf, in dem Brodem. Mia, kleines.

Mara, es löst mich nicht auf, Mara, dich löst es auf: die Freiheit. Wir Menschen sind nicht dafür geschaffen.

Mia, ich kann nicht, kann nicht mit dem Hagel, ich –

Und ich kann nicht mit dem Freisein. Mara!

Kleines, ich will dich beschützen. Das Freisein, es ist mein Freund, nur die Sterne, sie sind so fürchterlich hell. Ich kenne sie nicht: ich habe Angst.

Mara, lass uns niederlegen. Ich will dich auch beschützen.
Ich liebe dich.

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Paul G

Gerade hat meine Katze auf mein Sofa gekotzt, ich überlege gerade, ob ich Katzen wirklich so sehr mag, wie ich es in meiner vorigen Kolumne behauptet habe, diese Katze also, meine Meinung über Skinheads hat sich aber überhaupt nicht geändert. Und: Bitte nicht mehr bei mir anrufen, ich mag auch andere Tiere, Elefanten, Eichhörnchen, Nacktmulle, wie Sie wollen, und ich mag auch andere Menschengruppen nicht, beispielsweise Politiker in Talkrunden oder überhaupt. Wen ich, zum Beispiel, mag:

Paul, Paul G, ein riesiger Boxerrüde, gehört der Familie G, der zu KV-Treffen mittlerweile gehört wie der Geißbock zum 1. FC Köln. Ein furchtbar netter Hund, freundlich, enthusiastisch, harmonisierend, anhänglich, er widerlegt Vorurteile, die ich früher gegen Boxer hatte. Muskelstrotzende, geifernde, sabbernde, hässliche Köter, seit ich Paul kenne: keine Rede mehr davon. Jeden Teilnehmer begrüßt er freudig, wobei er allerdings nach Bekanntschaft differenziert, Herrn Owald begrüßt er freudiger als mich, er begrüßt aber jeden, gelegentlich auch Nichtteilnehmer, niemand wird von ihm diskriminiert. Freundlich, eben. Enthusiastisch: Für jede Aufmerksamkeit ist er dankbar, gelegentlich holt er sie sich mit einem gewissen Nachdruck, sei es ein trockenes Brötchen oder ein Streicheln zwischendurch. Harmonisierend: Er bildet sofort ein Rudel, jeder im Raum gehört dazu, und wenn ein Mitglied den Raum kurz verlässt, wird es entsprechend betrauert und nach der Rückkehr freudig begrüßt, freundlich, nach Bekanntheitsgrad, ich schrieb es schon. Bereits. Anhänglich: Hat er jemanden ins Herz geschlossen, und er schließt fast jeden in sein großes, großes Herz, kann es vorkommen, dass er den ganzen Abend versucht auf dessen Schoß zu hocken, zu knuddeln und zu schmusen. Ich erinnere mich da an ein Treffen in Dortmund, Paul den ganzen Abend auf dem Schoß einer Kollegin, die uns leider verlassen hat, aber das war schon ein rührendes Bild, Paul mit seinen vierzig Kilo auf dem Schoß der kaum schwereren Dame. Wobei es ein wenig darauf ankommt, wie nah man an den Gs sitzt, gelegentlich benutzt er Teilnehmer schlicht als Brücke. Dauerbrücke.

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einfach ignorieren. [den text!]

von dunkelkind

sonnengebluemt. warst du im urlaub?

- viertel vor herzschlag. -

ich hoere dich laecheln. du weisst ja wie ich bin.

hast du vor lange zu bleiben?

traenen moechte ich giessen. auf die blumen.

bestimmt mag ich den, danke.

bis ich deine zaehne sehe. und das gruebchen.

- es wird immer noch so frueh dunkel. -

stand da nicht mal ein bilderrahmen?

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Stroh

Foto: Anna Schwartz

Die ganze Zeit schon quälte ihn der Gedanke, dass er etwas vergessen habe, und er rekapitulierte: Er hatte sie vom Bahnhof abgeholt, Gleis 2, pünktlich, wie immer, seine langweilige Pünktlichkeit, eben, und: Guten Tag, und soll ich Deinen Rucksack nehmen, ein Fehler, schweineschwer das Ding, und sie waren zum Auto gegangen, er hatte die Türe aufgeschlossen, ihre zuerst, seine langweilige Höflichkeit, zum Zoo gefahren, ausgestiegen, Eintritt bezahlt, und da dachte er schon, es stimmt wohl, was man mir vorwirft, dass ich alles vergesse, und was ich nicht sofort vergesse: Nicht verstehe.

Er hörte ihr zu, während sie plauderte, redete, sprach, gerade genug, um eine angemessene Antwort geben zu können, angemessen, höflich, pünktlich also hin und wieder, die Neuigkeiten aus dem Freundeskreis, die Neuigkeiten aus dem Beruf, dem Bekanntenkreis, der Liebe, und er musste eine Entscheidung treffen, endlich, ob er sie genügend mochte, um weiter darüber nachzugrübeln, was er vergessen hatte. War wohl so, und er suchte sich Hilfe, in dem er sich vorstellte, worüber die anderen Zoobesucher wohl sprachen, - keine Hilfe: irgendetwas zwischen voll geil der Eisbär und: die ganze Performance hier ist mir zu abstrakt, und er fragte, ob sie sich einen Moment setzten wolle, eine Bank vor dem Hamstergehege, Meerschweinchengehege, und als sie sagte: 

„Ich hatte auch einmal so einen Hamster, in meiner Wohnung, schon lange tot, also: der Hamster…“, 

fiel es ihm ein, wie geht es Dir, er hatte vergessen zu fragen, wie es ihr eigentlich ginge, das fragt man doch pünktlich und höflich am Anfang, das schließt man doch nicht aus den Erzählungen, aus der Plauderei, schon gar nicht aus dem Aussehen des Gegenübers, jedenfalls nicht, wenn man selbst viel vergisst und noch mehr nicht versteht, dann gilt es, immer konkreter zu werden, bis zur Aufdringlichkeit, und dann sagt man eben, um einen Übergang zu finden… Um eine Frage zu finden. 

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Texte

(k)ein Held

von Kindermund

Kann man Menschen auf ihre Geschichte reduzieren? Auf einen Teil ihrer Geschichte? Ist es nicht genau so falsch, wenn ich sage: das war ein guter Mensch, wie wenn ich sage: das war ein schlechter Mensch? Ist es nicht unmenschlich, einen Menschen auf eine Eigenschaft, auf einen Stenotypen zu reduzieren?

Wer würde nicht gerne als Held bezeichnet werden? Nehmen wir beispielsweise Antigone. (Sophokles, ihr wisst?) Antigone widersetzt sich dem Verbot des Königs, ihren Bruder zu begraben und nimmt dafür ihren Tod in Kauf. Zweifelsohne: Antigone ist eine Heldin. Aber was ist sie noch? Eine Schwester, ja, das wissen wir. Eine Tochter wohl auch. Eine Verlobte. Eine Freundin. Vielleicht eine traurige Person. Oder eine fröhliche.[
Mit ihrem Tod wird auch sie ausgelöscht. Was bleibt, ist ein schwammiger Begriff: Held. Heldin. Und? Mit etwas Glück wissen wir auch, was sie getan hat: dem Bruder den Eingang in die Totenwelt ermöglicht. Schick. Und sonst? Wieso tut sie das? Was gibt ihr die Kraft? Was war davor? Was ist mit all den kleinen Heldentaten und vor allem den kleinen Feigheiten ihres Lebens?

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gelesen

oberon - over all

von ArFeiniel

Die Röte meiner Innenhaut entblößend, fließt Licht wie Milch durch meinen Wimpernwasserkranz.
Alles ist Warten geworden.Ohne dich.Und Wasser in allen Farben.
Jeder Schritt ertrinkt in Fragwürdigkeit, teilt dein Schicksal, wie all die kleinen Wesen, die Tag für Tag leblos in unseren Gläsern treiben.
Keine Elfen singen mich mehr in den Schlaf, es sind ihnen allen die Köpfe abgefallen gestern Nacht.
Wir sind barfuß über Bäche geflogen. sevenhundred years ago
Du hast Göttliches geweckt in meiner Welt voll Asphalt..

Und wieder reiß ich mir die Augen wund an den Stigmata unsrer Kindheit, zigarettengluttief in deine Handflächen gebrannt.
Verscheine vor der fragwürdigen Schönheit der kreisrunden Wunden, die dort, genau dort wo dieser kleine Hügel war, dort, wo sich deine großen Zehen von den Füßen zu lösen versuchten, das Fleisch bloßlegten.
Ich weiß, wieviel du diesen Brettern gegeben hast und wieviel Kraft es dich kostete, mit nichts als weicher Neugier bekleidet, vor den Einen zu treten, dessen Härte dein Funkeln vertrieb.

Letztendlich bleibt mir nichts als ein Blick in die Augen deines Klingenprinzen.

Ich trage deine Krone bis zum Ende, Schwarzer, ich trage sie für dich.
Die Krone aus Efeu und jungen Distelzweigen; nur die Feuerblume, die einst dein Haupt zierte, ist längst verglüht.
Ich möchte meine Tränen auf schwarzes Leinen betten, dir zum Gedenken.
Aller Art Wasser bist du geworden. Cry Baby, he’s a River-Boy now
Hast du auf einen Prinzen gewartet, zuletzt?

Die Elfen singen nicht mehr, es bleibt: Robin Goodfellow mit dem Besen.

Deinem Klingenprinzen und mir, uns bleibt nichts, als zu weinen, uns unsere Schuld aus den Augen, bis die Tränen versiegen.
Wüste bleibt, wo unfruchtbares Leben wuchs.
Kein Abschied, kein Kuss.
Du fehlst und machst meinen Regen zu Trauer.
Denn so wie ich den Regen seh’, oh -
so siehst du ihn nicht

Stummer Begleiter bist du geworden, lebst mir entgegen aus allen Wassern, aus Nebel und Regen.
You taste like the sky although
Konnte Bruder Inn ihn löschen, deinen Schmerz, den brennenden, zehrenden, scharfen?
Hast du dich ihm nackt gegeben, dem Alten?
Haben Flussgöttinnen dich umarmt, als du loslassen konntest?
War es, was du wolltest?
Is it better now? I don’t know. I hope so

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